Sechs Monate, null Cent

01.08.2018

Die Bundesregierung startet eine „Konzertierte Aktion Pflege”. Ausländische Fachkräfte sollen dabei eine wichtige Rolle spielen. Doch die Vorstellungen, wie diese in den Pflegesektor integriert werden sollen, gehen weit auseinander.

Auf 100 offene Stellen kommen derzeit nur 28 arbeitslos gemeldete Pfleger_innen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Familienministerin Franziska Giffey und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) haben ein Maßnahmenpaket angekündigt, um dem entgegenzuwirken. Ein Kernpunkt soll eine Verbesserung der Vergütung sein. Bislang gilt für 80 Prozent der Beschäftigten keine Tarifbindung. Ein Baustein sei die Fachkräfteanwerbung im Ausland, so Spahn. Besonders im Kosovo und in Albanien gebe es ein hohes Potenzial an jungen Fachkräften, sagte Spahn der Bild am Sonntag. „Dort ist die Pflegeausbildung häufig besser, als wir denken.“ Es gebe aber erhebliche Probleme bei der Visavergabe: „Was mich verzweifeln lässt: Diese ausgebildeten Fachkräfte müssen oft zehn Monate auf ein Visum für Deutschland warten. Diese Abläufe müssen wir beschleunigen.“ Auch die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse dauere zu lange.

Arbeitsminister Heil will für interessierte ausländische Fachkräfte ein Modell etablieren, dass diesen keinerlei Planungssicherheit bietet. Er schlug vor, dass interessierte Ausländer für ein halbes Jahr nach Deutschland kommen könnten. „Bedingung: Sie erhalten keinen Cent aus den Sozialsystemen, und wenn sie nach den sechs Monaten keine feste Stelle als Pflegekraft haben, müssen sie wieder gehen“, sagte er der tagesschau.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hält es für „sinnvoll, praxistaugliche Visabestimmungen zu erarbeiten“, um ausländisches Pflegepersonal zu gewinnen. Sie warnte allerdings vor einer Aufweichung der Sprachtests. „Es kann nicht sein, dass hierzulande Menschen in der Pflege arbeiten, die kaum ein Wort Deutsch verstehen“, sagte Vorstand Eugen Brysch der tagesschau. Am Niveau der Sprachtests dürfe nicht gerüttelt werden.

Auf regionaler und Unternehmensebene wird schon länger im Ausland rekrutiert. Herkunftsländer waren dabei vor allem Osteuropa, aber auch die Philippinen. Im sächsischen Ostritz starteten Träger und Pflegeheimbetreiber jetzt eine Anwerbeaktion in Vietnam. Vietnamesische Fachkräfte seien „durch die DDR-Geschichte im Bild der Gesellschaft bereits integriert und auch akzeptiert“, sagt Tinko Fritsche-Treffkorn von der DPFA Akademie in Görlitz der Sächsischen Zeitung. Auch der Klinikkonzern Asklepios nahm Mitte Juni am Frankfurter Flughafen die ersten sechs von insgesamt 260 Intensiv- und OP-Pflegekräften aus den Philippinen in Empfang. Sie haben zuvor im Rahmen eines Asklepios-Intensivsprachkurses in Manila neun Monate lang Deutsch gelernt. Ärgerlich sei aus Sicht des Klinikbetreibers, dass die personelle Kapazität der Deutschen Botschaft in Manila nicht ausreiche, um die vielen Visums- Anträge zeitgerecht zu bearbeiten, heißt es in einer Erklärung des Konzerns. „Gerade erst ist die Bearbeitungsdauer von drei auf fünf Monate heraufgesetzt worden. Unsere Versuche, auf der Arbeitsebene mit den verantwortlichen Stellen im Auswärtigen Amt eine Lösung herbeizuführen, sind leider gescheitert“, sagte demnach Asklepios Konzerngeschäftsführer Kai Hankeln. Da ein Visum erst nach bestandener Sprachprüfung beantragt werden kann, bedeutet das für die Antragsteller bis zu fünf Monate zusätzliche Wartezeit.

Die Arbeitgeber fordern eine weitere Vereinfachung des Zuwanderungsrechts. Schwierigkeiten bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse seien die zentralen Hemmnisse für die Zuwanderung von Fachkräften aus Ländern außerhalb der EU, sagte der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, der Rheinischen Post. „Hier muss die Politik für eine angemessene personelle und technische Ausstattung sorgen.“ Fachkräften mit Berufsausbildung müsse die Zuwanderung erleichtert werden.

Auch die Integrations- und Ausländerbeauftragten der ostdeutschen Länder haben eine schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gefordert. In der Praxis komme es immer wieder zu Verzögerungen bei der Bearbeitung der Unterlagen, heißt es in einer nach einem Treffen in Berlin veröffentlichten Erklärung. Insbesondere in Ostdeutschland fehle es an Fachkräften, auch wegen der zusätzlichen Abwanderung wegen der besseren Bezahlung in vielen westdeutschen Bundesländern.

Die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Hohmann von der Universität Witten/Herdecke wandte sich dagegen, in großem Maßstab vergleichsweise kostengünstige Pflegekräfte aus anderen Ländern nach Deutschland zu holen. „Das wird das grundlegende Problem nicht lösen“, sagt sie. „Vielmehr muss es darum gehen, den Beruf wieder so attraktiv zu machen, dass auch hierzulande die Menschen wieder bereit sind, eine Ausbildung in diesem Bereich zu absolvieren oder in ihren ursprünglichen Beruf zurückzukehren.“ Bundeskanzlerin Merkel bezeichnete derweil das geplante Einwanderungsgesetz für Fachkräfte als „zentrales Projekt”. Deutschland habe auch in einfachen Berufen einen „großen Mangel“, so Merkel.

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration August 2018" entnommen.