„Schon das Wort ‚Betriebsrat‘ war tabu“: Kommentar von Arthur Skorniakov, Betriebsrat bei Booking.com

01.08.2018

Kommentar von Arthur Skorniakov
ver.di-Betriebsrat bei Booking.com in Berlin*

Ein international tätiger Buchungskonzern wie Booking. com hat Kunden aus der ganzen Welt. Viele von denen melden sich im Callcenter in Berlin. Entsprechend werden die Beschäftigten hier oft wegen ihrer Muttersprache eingestellt, in der sie mit den Kund_innen sprechen sollen.

Bei mir war es beispielsweise Russisch. Ich stamme aus Kirgisien, bin 2012 nach Berlin gezogen und habe kurz danach bei Booking.com angefangen. In dem Berliner Callcenter, in dem ich Betriebsrat bin, arbeiten 1.000 Menschen mit 80 Nationalitäten, die 40 Sprachen sprechen. Im Betriebsrat sind wir 13; davon sind nur zwei ursprünglich Deutsche, zwei sind eingebürgert, der Vorsitzende kommt aus Indonesien. Diese enorme Vielfältigkeit ist interessant und gleichzeitig eine enorme Herausforderung.

Die meisten Kolleg_innen sind neu in Berlin und in Deutschland. Viele wissen gar nicht, was ein Betriebsrat oder was eine Gewerkschaft ist oder sie denken, beides sei dasselbe. Das kommt nicht von ungefähr. Denn in vielen Ländern gibt es beides überhaupt nicht, oder nicht in einer vergleichbaren Form. Das macht unsere Arbeit nicht immer leicht.

Die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz sind hoch. Das schlägt sich in der Gesundheit nieder. Die Krankheitsrate liegt für einen Verwaltungsbetrieb sehr hoch. Die Geschäftsführung verdichtet die Arbeit aber weiter – wer das nicht aushält, kann ja gehen. Doch viele der Kolleg_innen haben fast keine andere Wahl, als hier zu arbeiten. In Berlin ist es nicht leicht Arbeit zu finden, wenn man wenig Deutsch spricht oder als Ausländer_in keine anerkannte Qualifikation hat. Für viele ist der Job bei Booking.com deshalb der Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Firma weiß das und sie nutzt dies aus. Es gibt eine große Fluktuation im Unternehmen. Über die Hälfte aller Beschäftigungsverhältnisse sind befristet. Das hat natürlich damit zu tun, dass das Unternehmen sich zu jeder Zeit darauf verlassen kann, dass es auf dem Arbeitsmarkt immer viele Menschen gibt, die neu einsteigen können. Das bietet enorme Möglichkeiten, die Beschäftigten zu disziplinieren, nicht zuletzt, weil es die betriebliche gewerkschaftliche Organisierung behindert, denn wer nur kurz bleibt, ist für unsere Ansprache nicht sehr zugänglich.

Jede und jeder fängt mit einem befristeten Vertrag an, für ein Jahr. Für diese Befristungen gibt es keinen Sachgrund, sie sind „sachgrundlos“, wie es heißt. Wir hoffen sehr darauf, dass die Große Koalition dies unterbindet. Aber bis jetzt ist das nicht in Sicht. Verlängert wird der Vertrag abhängig von den Leistungen. Dazu zählt nicht nur die Arbeit, die mit Computern haarklein erfasst wird. Dazu zählt auch, wie oft man sich krank meldet. Kolleg_innen berichten uns dies von den Gesprächen mit den Vorgesetzten. Das ist nicht erlaubt, aber wir können dagegen kaum vorgehen, weil es den Kolleg_innen nur mündlich gesagt wird. Und viele werden direkt in der Probezeit gekündigt, da haben wir überhaupt kein Mitspracherecht.

Als ich hier angefangen habe, gab es keinen Betriebsrat. Wir haben den dann gegründet, trotz großer Widerstände. Vor allem die direkten Vorgesetzten haben sehr viel Druck gemacht, etwa wenn wir während der Arbeitszeit mit Kolleg_innen sprechen wollten. Sie haben dann behauptet, dass wir das nicht dürfen. Schon das Wort Betriebsrat war tabu, von Gewerkschaft ganz zu schweigen. Die Kultur hat sich mittlerweile etwas verändert. Trotzdem gibt es immer noch Probleme, wenn die Kolleg_innen zur Sprechstunde kommen wollen. Sie müssen schließlich für jede Minute per Code im Computer eingeben, was sie getan haben. Und wer nur befristet angestellt ist, überlegt es sich eben, ob er oder sie so „auffallen“ will.

Eines der wichtigsten Probleme, mit denen wir uns befassen, sind die Arbeitszeiten. Die erste fängt um sieben Uhr an, mit der letzten ist man um halb zwölf fertig. Die Schichten wechselten immer. Das ist nicht ergonomisch, es schadet der Gesundheit. Es betrifft Nicht-Deutsche noch einmal besonders: Für sie ist es sehr wichtig, schnell die Sprache zu lernen, sie müssen dafür regelmäßig zum Deutschkurs gehen. Doch wer in unregelmäßigen Schichten arbeitet, kann das nur bedingt. Wir haben uns dafür eingesetzt, diese Arbeitszeiten in eine bessere Balance zu bringen. Wir sehen es als großen Erfolg, dass es nun drei Korridore gibt, zwischen denen man sich entscheiden kann und dann für ein Jahr fixe Schichten bekommt. Das gibt allen Stabilität.


* Bcom GmbH Customer Service Center Deutschland

Arthur Skorniakov
© Foto: privat

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration August 2018" entnommen.