Porträt Anerkennung: Rekai Ramdane, Buchhalter - 13 Jahre geduldet

01.10.2018

Vor einigen Monaten konnte er nicht mehr. „Es ist keine Gicht”, sagt Rekai Ramdane. Doch er kann seine Finger nicht mehr strecken. Die Arbeit sei schuld, sagt er. Eine Operation hat Linderung gebracht, fünf Monate war er krankgeschrieben. Jetzt geht es wieder, halbwegs, und er will sich wieder bewerben. Wieder bei einer Zeitarbeitsfirma, wieder als Lagerhelfer. „Was denn sonst?”, fragt er. Ramdane, Mitte 50, hat grüne Augen und weiße Locken. Er stammt aus Algerien. 2002, der algerische Bürgerkrieg stand schon kurz vor seinem Ende, geriet Ramdane zwischen die Fronten. Er floh nach Deutschland. Asyl bekam er nicht. Doch Deutschland glaubte, dass ihm „ernsthafte Bedrohung” im Sinne des Aufenthaltsgesetzes drohe. So galt ein Abschiebungsverbot: Faktisches Asyl, doch ohne Rechte und ohne Integrationshilfen. 13 Jahre lebte Ramdane mit einer Duldung in Bremen. Als er 2002 dorthin kam, verließ er die Stadt jahrelang kaum. Er unterlag der Residenzpflicht. Nach sechs Jahren durfte er aus dem Flüchtlingsheim ausziehen, arbeiten durfte er nicht. Als er nach langer Suche eine kleine Wohnung fand, blieben ihm 300 Euro im Monat zum leben. Davon zahlte er einen Volkshochschulkurs für Deutsch. Es reichte nur für wenige Stunden, kein Vergleich mit dem Umfang der Kurse, den viele Flüchtlinge heute absolvieren. Heute spricht er Deutsch, aber es bereitet ihm Mühe. Erst 2015 bekam er eine Aufenthaltserlaubnis, befristet auf fünf Jahre. Ramdane ist ein Intellektueller, über den Religionskonflikt in seiner Heimat Algerien spricht er, als halte er eine Vorlesung in Neuester Geschichte. Seine Familie gehörte der oberen Mittelschicht an, viele arbeiteten im öffentlichen Dienst. Er selbst war Buchhalter. Unter diesem Stichwort finden sich auf der Seite der Arbeitsagentur aktuell genau 200 freie Stellen in Bremen und Umgebung. Doch Ramdane hat auf Deutsch nie eine Sicherheit erlangt, mit der er sich zugetraut hätte, in seinem alten Beruf zu arbeiten. Lange Zeit sagte ihm niemand, welche Möglichkeiten es gibt, hier auf seine alten Kenntnisse aufzubauen. Die Vielzahl an Beratungs- und Anerkennungsmöglichkeiten, die nach 2015 entstanden, kamen für ihn zu spät. Sein Fall zeigt, wie fatal die jetzt wieder verfolgte Strategie ist, Geduldete in einer entscheidenden Lebensphase von Integrationshilfen auszuschließen. Als Ramdane endlich arbeiten durfte, hatte er die 40 längst überschritten. Andere Arbeitgeber als Zeitarbeitsfirmen hatte er nie. Mehr als zehn Euro Verdienst waren kaum drin. Vielleicht will er es jetzt nochmal als Staplerfahrer versuchen, sagt er. Da gibt es etwas über 11 Euro. Bis zur Rente muss er noch über zehn Jahre arbeiten, vermutlich wird er das nicht mehr können.

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration Oktober 2018" entnommen.