Ein „grundsätzlich enormes” Problem

01.12.2017

Die erste Generation der Arbeitsmigrant_innen kommt in das hochbetagte Alter. Die Ärztin Iris Graef-Calliess warnt vor einer enormen Versorgungslücke bei zugewanderten Demenzpatient_innen.

Forum Migration:  Frau Graef-Calliess, Sie warnen, die Dynamik des Problems von Demenzversorgung bei Migrant_innen werde unterschätzt. Um wie viele Menschen geht es?

Iris Graef-Calliess: Das Angebot unserer Schwerpunktklinik in Wahrendorf ist primär für türkische und russische Familien ausgerichtet – die in die Jahre gekommene so genannten Gastarbeiter- und Spätaussiedlergeneration. Wir haben dazu keine bundesweiten Zahlen. Aber das Problem ist grundsätzlich enorm. Das fängt schon damit an, dass die Demenz in manchen Kulturen gar nicht als Krankheit betrachtet wird.

Was tun Sie dagegen?

Es braucht sehr viel Psychoedukation. Es muss aufgeklärt und entstigmatisiert werden. Da ist sehr viel Scham im Spiel. Zur fehlenden Wahrnehmung als Krankheit kommt noch ein zweites Problem: unterschiedliche kulturelle Hilfesuchverhalten, andere Behandlungserwartungen. 

Was bedeutet das?

Dass die Erkrankung nicht in den medizinischen Kontext gestellt wird. Da geht es dann um die vermeintliche Ehre der Familie. Die Angehörigen denken: Das müssen wir in der Familie auffangen. Und dann nehmen sie deshalb keinerlei Hilfen in Anspruch. Das funktioniert aber immer schlechter.

Warum?

Weil sich gleichzeitig die Familienstrukturen ändern. Auch die mittlere, zweite Generation ist beruflich heute schon mobiler. Sie versuchen aber gleichzeitig, den kulturellen Anforderungen Genüge zu tun – und sind dann regelmäßig fix und fertig.

Das Problem liegt also bei den Angehörigen?

Natürlich nicht nur. Es gibt auch diagnostische Probleme. Unter den Bedingungen eines häufig geringen Bildungsniveaus bei der ersten türkischstämmigen Gastarbeiter-Generation und unzureichenden Sprachkenntnissen – wie wollen sie das genau sagen, was ein Mensch hat?

Und wie?

Wir arbeiten etwa mit einem türkischsprachigen Facharzt, der unser Projekt begleitet und in Ankara lange in der Gerontopsychiatrie gearbeitet hat. ,Cross Cultural Assesment’ ist das Schlagwort. Da muss forschungsmäßig noch einiges passieren, um kulturübergreifend und IQ-unabhängig Demenz erfassen zu können. Und wir müssen da jetzt ran, mit Bewusstseinsbildung. Das Problem kommt immer stärker auf uns zu. Die nächsten Älteren stehen gewissermaßen schon bereit.

Zentrum für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie: http://bit.ly/2hMLs6h

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration Dezember 2017" entnommen.