Porträt Anerkennung: Heike Schulze, Altenpflegerin aus Magdeburg - Von der Bürokratie entmutigt

01.12.2017

Nach 25 Jahren brauchte Heike Schulze eine Pause. So lange hatte die heute 53-Jährige in Magdeburg als Lehrerin für Deutsch, Russisch, Psychologie und Latein gearbeitet. Doch 2010 wollte sie raus – auch wegen der enormen Belastung. Schulstandorte wurden in Magdeburg zusammengelegt, Schulen konnten sich nicht mehr weiterentwickeln, „das hat mich sehr frustriert, das war nicht das, was ich mir unter Schule vorstelle“, sagt Schulze. Also wechselte sie für einige Jahre an die deutsche Schule in Stockholm. Sie war zufrieden. Aber was dann? „Ich wusste ja, was mich nach einer Rückkehr wieder erwarten würde“, sagt sie.

Schulze suchte nach einem zweiten beruflichen Standbein. Sie erfuhr, dass es in Schweden möglich ist, die Ausbildung zur Altenpflegerin in Teilzeit zu machen. 2015 stieg sie ein, las nach Feierabend Lehrbücher, besuchte am Wochenende kostenlose Kurse und machte zwei Praktika: bei einem Pflegedienst in der Provinz Småland, bei einem Altenheim in einem „Multikultistadtteil”, wie sie sagt, in Stockholm und arbeitete neun Monate in einem Heim für Demenzpatient_innen. Dann endeten die Jahre, in denen Schulze für den Auslandsschuldienst freigestellt war.

„Als ich nach Deutschland zurückkam, stand für mich fest, dass ich nur noch in Teilzeit an der Schule arbeiten wollte”, sagt Schulze. Lehrerin und Altenpflegerin – beide Berufe werden von vielen als belastend empfunden. Aber sie jeweils nur einige Stunden pro Woche auszuüben – das erschien Schulze attraktiv. Im April 2017 bewarb sie sich auf Teilzeitstellen als Altenpflegerin. Ein Unternehmen wollte sie einstellen, sobald ihre schwedische Ausbildung in Deutschland anerkannt war. So musste sie zuerst eine Stelle auf 450 Euro als Pflegehilfskraft annehmen – für nur 10 Euro Bruttolohn. Trotzdem: „Ich war froh, dass ich arbeiten konnte”, sagt Schulze.

Im Mai beantragte sie die Anerkennung beim Landesverwaltungsamt Halle. Die Antwort kam „überraschend zügig”, sagt Schulze. Doch das Amt verlangte derartig viele Dokumente, dass die erkrankte Schulze nach einer Weile entnervt aufgab. Die Kosten und die Zeit, alles zu beschaffen, überforderten sie. Auch die Beratungsstellen waren keine Hilfe: „Den Fall, dass eine Deutsche mit einem ausländischen Abschluss ankommt, kannten die nicht,” sagt sie. „Ich hatte den Kanal voll.” Und sie hatte einen Verdacht: „Die wollten mich im Status der Pflegehelferin halten, denn ich bin perfekt ausgebildet aber so viel billiger.” Erst als die Mitteldeutsche Zeitung im Oktober über die „verzweifelte” Schulze berichtete, schaltete sich eine Mitarbeiterin des Wirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalt ein. „Vielleicht erreicht die etwas für mich”, hofft Schulze. 14 Jahre hat sie noch bis zur Rente. Ihre Ausbildung soll nicht umsonst gewesen sein.

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration Dezember 2017" entnommen.