Gewerkschaft in der Türkei

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Ansprüche nicht einschränken

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Türkei

Wir sollten uns von den Konflikten in der Türkei nicht infizieren lassen, sagt Serhat Özdemir, freigestellter Betriebsrat bei der WEC Turmbau in Emden. 

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Türkei: „Nicht infizieren lassen“

01.09.2016

Die Auseinandersetzungen zwischen AKP-Anhänger_ innen und -Gegner_innen spalten die Türkei. Was bedeutet das für Betriebe, in denen viele türkischstämmige Beschäftigte zusammen arbeiten? Der Betriebsrat Serhat Özdemir aus Emden berichtet.

Forum Migration: Herr Özdemir, Sie arbeiten in einem Betrieb aus der Windkraftbranche, mit vielen türkischstämmigen KollegInnen. Macht sich die Entwicklung in der Türkei dort bemerkbar?

Serhat Özdemir: Natürlich. Bei uns arbeiten 650 Menschen, davon etwa 20 mit türkischem oder kurdischem Hintergrund. Ich habe zum Beispiel zwei Arbeitskollegen, wir sind eine Fahrgemeinschaft. Ein Araber aus der Türkei, ein Türke. Die beiden sind als Leiharbeiter in unseren Betrieb gekommen, ich habe mich für ihre Übernahme eingesetzt. Ganz tolle Leute. Jeden Tag fahren wir gemeinsam mit dem Auto aus Leer nach Emden. Jetzt ändern sich die Meinungen. Der eine hatte vorher darüber nachgedacht, seine Kinder auf eine Gülen-Schule zu schicken – die islamistische Bewegung, die von Erdogan für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird. Jetzt schimpft mein Kollege die ganze Zeit über die, er ist nun 100-prozentig auf Erdogans Seite. An allem, was in der Türkei schiefläuft, ist für ihn nun Gülen schuld. Ich hingegen habe nach wie vor eine kritische Meinung zu Erdogan – und ich bin absolut gegen Gülen. Das werde ich auch nicht ablegen.

Sie sind Betriebsrat. Erschweren solche politischen Diskussionen ihre Arbeit?

Nein. 2011 kam ich als Leiharbeiter zu WEC, als Eisenflechter. Im 2012 März bin ich fest eingestellt worden. Danach habe ich sofort einen Betriebsrat gegründet. Das war ein großer Kampf. Ich bin zur IG Metall gegangen und habe gefragt: Wie könnt ihr mir helfen? Ein halbes Jahr lang haben wir uns mehrmals im Monat informiert, dann ging es los. Seit 2014 bin ich als Betriebsrat freigestellt. Alle wissen, dass ich AKP-kritisch bin. Viele deutsche Kollegen sind da allerdings noch kritischer als ich, für sie ist Erdogan ein Faschist. Was die türkischen Kollegen betrifft, so sehen wohl 90 Prozent die Dinge ähnlich wie ich. Andere hingegen sind AKP-treu. Ich gebe solchen Leuten aber auf keinen Fall einen Grund, dass dies unser Leben hier belastet, dass wir uns vom Konflikt in der Türkei infizieren lassen. Ich bin kurdischer Abstammung. Mit acht Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Hier ist das Land, in dem ich lebe, das ist für mich primär. Wir sind hier, wir müssen zusehen das wir hier alles klar halten.

Sie waren während des Putsches in der Türkei. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Am Tag des Putsches war ich mit meiner Familie in Siirt, einer überwiegend von Kurden bewohnten Stadt in der Südosttürkei. Ich bin dorthin gereist, um meinen kurz zuvor gestorbenen Vater zu beerdigen. An jenem Tag gab es dort schwere Kämpfe zwischen der PKK und der türkischen Armee. Abends tobten die Kämpfe, gleichzeitig sahen wir im Fernsehen die Bilder aus Istanbul und Ankara, die den Putsch zeigten. Ich war natürlich gegen eine Militärdiktatur. Die Erinnerungen an die schreckliche Zeit nach dem Putsch 1980 sind noch da. Noch in der Nacht bin ich deshalb auf die Demonstration gegangen. Aber dort habe ich gesehen, wer nun vor allem auf der Straße war: islamistische Männer mit langen Bärten, die Allahu Akbar gerufen haben. Dort konnte ich natürlich nicht mitlaufen.


Serhat Özdemir, 48, ist IG Metall Mitglied und freigestellter Betriebsrat bei der WEC Turmbau in Emden

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration September 2016" entnommen.