Formell. Non-formal. Anders.

Ein wenig in der Freizeit am Auto rumgeschraubt und schon ausgebildeter KFZ-Mechatroniker_in? So einfach ist es nicht. Doch es gibt Wege informelle Qualifikationen anerkennen zu lassen.

Welche? Darüber diskutieren wir auf unserer Tagung

Symbolfoto: © Minerva Studio - Fotolia

Wendepunkt

Nächstes Jahr wird zum ersten Mal ein umfassendes, globales Abkommen über die Migration entwickelt – der Global Compact on Migration der UN.

Guy Ryder, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, erläutert in seinem Kommentar im Forum Migration, warum das zu einem Wendepunkt für die Zukunft der Migration werden kann.

Mehr

Foto: © elenabsl / Fotolia.com

Gnadenlos

In der EU wird das sogenannte Mobilitätspaket verhandelt. Die Stärkung des Sozialen  werde „gnadenlos der Liberalisierung des Binnenmarktes untergeordnet“, sagte DGB Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

Was dahinter steckt? Hier mehr

Symbolfoto: © Brad Pict / Fotolia.com

Einstellungssache

Sei können den Weg eines Kindes massiv beeinflussen: Lehrerinnen und Lehrer. Eine neue Studie brachte nun Überraschendes zu ihren Einstellungen zu Migrantinnen und Migranten zu Tage.

Zum Artikel

Foto: © Jasmin Merdan / Fotolia.com

Anerkennung non-formal und informell erworbener Kompetenzen

10.10.2017

Gespräch mit Daniel Weber, Leiter des Bereichs und Bildungsreferent Malte Meyer des DGB-Bildungswerkes zum Stand der Anerkennungskultur in den Betrieben und Verwaltungen 

In den vergangenen Jahren lag der Fokus in erster Linie auf formalen Abschlüssen, die im Ausland erworben wurden. Um diese Kompetenzen einzuordnen und anzuerkennen, wurde 2014 das BQFG, Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz, eingesetzt und das DGB-Bildungswerk mit dem Projekt „Anerkannt“ beauftragt. Da geht es zunächst darum, eine Diskussion darüber zu führen, was überhaupt der Unterschied zwischen formal und non-formal erworbenen Kompetenzen ist, „und wie man im Betrieb umsetzen kann, dass Menschen, die was können, auch ordentlich eingesetzt und anerkannt werden“, erklärt  Daniel Weber, Leiter des Bereichs Migration und Gleichberechtigung vom DGB-Bildungswerk Bund.

In vielen Betrieben werden heutzutage Menschen mit nonformal erworbenen Kompetenzen eingestellt und auch gut bezahlt. Solange sie dort bleiben, ist das meist auch kein Problem. Das entsteht jedoch, wenn sie den Arbeitsplatz wechseln möchten, denn das deutsche Berufsbildungssystem zeichne sich nach wie vor durch eine starke Formalisierung aus und ohne Abschlüsse und Zertifikate sei der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert, sagt Malte Meyer, Bildungsreferent im DGB-Bildungswerk.

Prinzipiell können sich alle Berufsgruppen non-formal erworbene Kompetenzen anerkennen und zertifizieren lassen, um dann beispielweise eine Ausbildung oder ein Studium abkürzen zu können. Diese Herausforderung verstärkt sich mit den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen und den Migrant*innen, die schon hier leben, denn in vielen Herkunftsländern gibt es diese Systeme mit Zeugnissen und Zertifizierungen wie in Deutschland nicht. Trotzdem sollte eine Zertifizietung für alle gelten und keine Ausnahmeregelungen geschaffen werden, betont Daniel Weber.

„ValiKom“ - ein Versuch, Standards zu etablieren

Im November 2015 startete das Verbundprojekt ValiKom mit dem Ziel, ein standardisiertes Verfahren zu entwickeln, welches berufliche Kompetenzen erfasst, überprüft, bewertet und letztendlich zertifiziert. Initiiert wurde es von den Kammern gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, weil es bisher keine allgemeingültigen Verfahrensstandards und Gütekriterien gibt, um die Ergebnisse des Lernens "on the job" zu bewerten.ValiKom läuft noch bis 31. Oktober 2018, erste positive Ergebnisse liegen vor. Was auch daran liegen könnte, dass schon seit mehreren Jahrzehnten in den Betrieben Instrumente erprobt wurden, um Fertigkeiten intern festzustellen. „ValiKom ist der nächste Versuch, das Ganze – so würde ich es einschätzen – auf eine breite Ebene zu stellen und im nächsten Schritt in eine Verbindlichkeit zu überführen, bis hin zu Zertifikaten, die es bisher ja nicht gibt“, so Daniel Weber.

Auf der Tagung am 18.Oktober werden Erfahrungsexperten zu Wort kommen, die sich ihre Kompetenzen nicht auf dem traditionellen Weg von Berufsschule und Betrieb erworben, sondern autodidaktisch angeeignet haben und auch von Unternehmen angefragt werden. „Für solche Leute ist es wichtig, dass sie in einem nach wie vor formalisierten und stark zertifikatsgläubigen Umfeld etwas vorweisen können, was ihre beruflichen Kompetenzen betrifft, insbesondere, wenn sie daran interessiert sind, den Job zu wechseln“, erklärt Malte Meyer. Auch in der Europäischen Union versucht man seit mehr als zehn Jahren, berufliche Abschlüsse und Kompetenzen eurapaweit vergleichbar zu machen und so etwas wie einen europäischen Qzualifikationsrahmen zu entwickeln. Bisher gibt es aber noch keinen endgültigen Rahmen.

Aus Sicht des DGB sollten allerdings bestimmte gesetzliche und juristische Grundlagen vor einer breitflächigen Einführung von Validierungsverfahren geklärt werden, beispielsweise die Finanzierung. Der DGB hält eine Finanzierung über die Betriebe für sinnvoll bzw. befürwortet eine Stipendiensystem. Ein neues Programm sollte eine hohe Qualität haben „es darf nicht zu schnell und zu einfach etwas vergeben werden, sondern es muss praxistauglich sein. Es darf also nicht am Schreibtisch entschieden werden, ob jemand was kann oder nicht, sondern es muss eine praktische Erprobung stattfinden, dass man merkt, dass bestimmte Fertigkeiten auch wirklich beherrscht werden“ ergänzt Daniel Weber.

Wer profitiert vom neuen System?

Alle Arbeitnehmer_innen können von dem neuen System profitieren, sagt Daniel Weber. Sei es, dass ehrenamtliche Tätigkeiten aufgewertet werden oder sich breitere Weiterbildungsmöglichkeiten ergeben bzw. Fertigkeiten anerkannt werden und zu kürzeren Fortbildungszeiten führen. Dies gilt jedoch überwiegend für akademische Kompetenzen, die man durch Weiterbildungen erreichen kann. Für Menschen aus dem Niedriglohnbereich, die diese Voraussetzungen erst gar nicht erfüllen, müssen weiterhin Qualifizierungsangebote gemacht werden, die ihnen einen Aufstieg ermöglichen. Mit neuen Zertifikaten erweitern sich die Arbeitsmöglichkeiten. „Ansonsten gibt es aber keinen Automatismus, dass jemand, der mehr Zertifikate aufweist, besser eingruppiert wird“, ergänzt Malte Meyer.

Ein großer Teil der Arbeitgeber interessiert sich für das neue Validierungssystem als verlässliches System, praxisrelevante Kompetenzen festzustellen. „Schwierig wird es dann, wenn die Arbeitgeber auf Umwegen versuchen, irgendwelche Teilqualifikationen durchzusetzen, um damit durch die Hintertür die duale Berufsausbildung abzuschaffen, oder hochwertige Qualifizierungen durch irgendwelche modularen Kleinqualifizierungen zu ersetzen, die vielleicht nur für den einen Betrieb sinnvoll, aber sonst nirgendwo verwertbar sind. Da liegt eine Gefahr, die wir mit den Gewerkschaften diskutieren müssen, die man vorbringen und mit den Arbeitgebern offen ansprechen müssen“, gibt Daniel Weber zu bedenken.

Konsequenzen für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten  

Beim BQFG wird am Schreibtisch aufgrund der vorliegenden Zeugnisse über eine Anerkennung entschieden. Wenn aber bei Flüchtlingen Nachweise fehlen bzw. verloren gegangen sind, gab es die so genannten „Sonstigen Verfahren“ mit Arbeitsproben oder praktischen Tests. Diese praktischen Erfahrungen wurden beim ValiKom-Projekt wieder mit aufgenommen.

Im Projekt „Anerkannt“ wurde in den letzten Jahren viel Know-how im Bereich der formal erworbenen Abschlüsse aufgebaut, Fachkräfte wurden ausgebildet und Tagungen und Fachgespräche organisiert. Dort gab es am Rande auch immer das Thema non-formale Kompetenzen. Sollte sich diesbezüglich etwas ändern, wäre es auch die Aufgabe des DGB, die Beschäftigten so zu informieren, dass sie dieses Instrument nutzen. Daniel Weber fasst die zukünftigen Herausforderungen im Projekt „Anerkannt“ so zusammen: „Neben der praktischen und betrieblichen Ebene ist die politische Ebene für uns auch immer sehr wichtig gewesen, auf dieser Ebene müssen wir schauen, welche Dinge wir fordern können, welche Dinge uns wichtig sind, welche Themen aus den Betrieben kommen, dass sie sagen, was wie nicht umgesetzt werden kann oder an welchen Stellen es Probleme gibt. Da sehen wir unsere Aufgabe als Schnittstelle zwischen Bildungsarbeit und politischer Arbeit, die Themen auch wieder in den politischen Prozess einzubringen.“

Text Jutta Hölscher, 3.10.2017  

Neues gibt es bei der Tagung "Formell, non-formal, anders? Qualifikationen im Betrieb anerkennen!", Düsseldorf, 18.10.17. Anmelden: hier.